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  • Steffi Li

Wie es sich anfühlt da vorne zu stehen

In letzter Zeit habe ich öfter das Feedback von Teilnehmern in meinen Yogakursen bekommen, dass ich sehr souverän und selbstbewusst wirke, wenn ich da vorne stehe und unterrichte. Als introvertierter Mensch war es ein langer Prozess, um dorthin zu kommen. Mich überhaupt zu trauen mich vor anderen so sichtbar und verletzlich zu machen, erschien mir vor ein paar Jahren noch völlig unmöglich. Und jetzt mag ich es sogar gern. Mein Weg dahin und was mir geholfen hat, darüber möchte ich dir in diesem Blogbeitrag erzählen.

Mittlerweile fühle ich mich wohl in meiner Sichtbarkeit.

Wie es früher war

In der Schule war ich wohl die klassische graue Maus. Ich war die, die nur gesprochen hat, wenn sie musste, und dann panisch überlegte, was sie sagen könnte, damit es der gängigen Meinung der anderen entsprach und sie nicht ausgelacht oder abgelehnt wurde. Ich war zart und dünnhäutig. Nicht nur äußerlich, sondern besonders im Inneren. Jedes negative Feedback, das von außen kam, traf mich zutiefst. Wie oft habe ich heimlich geweint, weil ich das Gefühl hatte nicht wertvoll zu sein, nichts Sinnvolles beizutragen oder zu sagen zu haben. Das war eine schwierige Zeit. Im Laufe der Oberstufe und im Studium wurde das ein wenig besser. Durch Fleiß und gute Noten konnte ich zumindest oberflächlich die Anerkennung anderer gewinnen. Ich hatte aber immer noch große Angst davor Präsentationen zu halten oder in Diskussionen eine klare Meinung zu vertreten. Ich kann mich an zahlreiche Momente auf der Uni erinnern, in denen ich am Liebsten vor Scham im Boden versunken wäre. Je öfter ich derartige Situationen überstanden hatte, desto mehr konnte ich akzeptieren, dass sie irgendwie Teil meines Lebens waren. Im Zuge meiner ersten Berufserfahrungen folgten zahlreiche öffentliche Auftritte im Fernsehen, im Radio, bei Pressekonferenzen. Ich schlug mich irgendwie durch, wohl gefühlt habe ich mich dabei nie.


Der Moment, der alles veränderte

Der Funken sprang erst über, als ich mich mit meiner eigenen Spiritualität zu beschäftigen begann. Während meiner ersten Yoga-Ausbildung im November 2017 kam ich zum ersten Mal mit dem Gedanken in Berührung, dass ich vielleicht mehr bin als dieser kleine zarte Körper mit dem nervösen Gehirn. Ich war total fasziniert wie viel Kraft und Präsenz ich plötzlich spüren konnte, wenn ich meine ersten kleinen Meditationsversuche unternahm. Während dieser Ausbildung sagte meine Yoga-Lehrerin offen zu mir, dass ich noch nicht bereit sei, um Yoga zu unterrichten. Der Samen war gesät, aber er brauchte noch Zeit, um zu wachsen. Im selben Monat starb meine Mama. Diese zutiefst erschütternde Erfahrung und der damit verbundene Trauerprozess haben diesen Samen in mir genährt und gestärkt. Nun war mir absolut klar, dass wir viel mehr sind als dieser kleine vergängliche Körper.


Yoga veränderte auch in dieser Hinsicht mein Leben

Ich begann mit einer täglichen Yoga- und Meditationspraxis und wiederholte die Yoga-Ausbildung ein halbes Jahr später. Plötzlich war ich durchaus in der Lage vor einer Gruppe zu stehen, Präsenz zu zeigen, Menschen zu führen und mich klar auszudrücken. Natürlich fehlte mir noch jede Menge Praxis und Erfahrung, aber der Grundstein war gelegt. Mit jeder einzelnen Yogastunde, die ich seitdem unterrichtet habe, wuchs dieser Samen und machte mich zu einem immer stärkeren und selbstbewussteren Menschen. Ich begann von innen heraus zu strahlen. Mittlerweile habe ich mehrere Yoga-Ausbildungen absolviert und über dreihundertmal unterrichtet und diese Erfahrung gibt mir zusätzliches Selbstvertrauen. Trotzdem ist es nach wie vor eine Herausforderung bei großen Events wie dem Bergyoga über dreißig Personen unterschiedlichen Alters und Geschlechts gegenüber zu treten, deren Energie zu halten und in eine bestimmte Richtung zu führen.

In einer Gruppe jeden einzelnen Teilnehmer zu erreichen kann ziemlich herausfordernd sein.

Wie fühlt sich das an?

Ich bin nach wie vor aufgeregt, aber auf eine positive Art und Weise. Mir ist bewusst, dass der Erfolg der Stunde davon abhängt, wie sehr ich in meiner Kraft bin und mit meiner Intuition verbunden und wie klar meine Absicht ist, mit der ich da hineingehe. Am Morgen vor dem Event setze ich mich hin und meditiere. Ich werde glasklar in meiner Absicht, was ich diesen Menschen heute schenken möchte, was ich teilen möchte, welches Gefühl ich vermitteln möchte. Dann vertraue ich darauf, dass das WIE von ganz alleine kommt. Ich habe nämlich die Erfahrung gemacht, dass, wenn ich total präsent und zentriert in mir bin, die Yogastunde - der Ayurveda-Workshop, oder was auch immer ich gerade mit anderen teile - genau richtig verlaufen wird. Ich brauche es nicht mehr pingelig genau vorzubereiten, sondern kann mich einfach öffnen und es fließen lassen. Das ist mein persönlicher Flow-Zustand aus dem ich die schönsten Dinge erschaffe. Und weil ich den bewusst herbeiführen kann, nimmt mir das einen großen Teil meiner Angst.


Was mir sonst noch hilft

Natürlich gibt es immer wieder Menschen, die mich ablehnen oder sogar belächeln für das, was ich tue oder wofür ich stehe. Was mir dann hilft, ist der Gedanke, dass es mindestens genauso viele Menschen gibt, die mich dafür bewundern und wertschätzen. Die Option zu kneifen und mich zu verstecken gibt es dann nicht mehr. Weil wenn ich mich nicht offen zeige, können mich diese Menschen nicht finden. Ich vertraue also darauf, dass ich mit dem, was ich von tiefstem Herzen teile, immer die richtigen Menschen erreichen werde. Und das ist das einzige, was wirklich zählt. Es geht niemals darum von allen gemocht zu werden. Das ist sowieso unmöglich. Denn sobald du dich klar positionierst und für etwas stehst, wird es immer Menschen geben, die eine andere Position einnehmen. Das ist okay und einfach nur ein Zeichen dafür, dass du an Reichweite gewinnst und sich immer mehr Leute mit dir und dem, was du tust, auseinandersetzen. Und jeder hat das gute Recht sich seine eigene Meinung zu bilden. Solange es dich nicht davon abhält weiterhin sichtbar zu sein.


Und wenn doch mal was schief läuft?

Auch wenn ich souverän wirke, geht in meinen Yogakursen nach wie vor einiges schief. Ich vergesse Übungen, die ich eigentlich einbauen wollte, verwechsle links und rechts, verspreche mich. Hin und wieder habe ich sogar ein Blackout. Aber weißt du was? Das macht das ganze viel interessanter. Es gibt mir die Chance zu wachsen und zu schauen, wozu ich im Stande bin, wenn es mal nicht nach Plan läuft. Dann beginne ich zu improvisieren und beeindrucke mich oft selbst mir meinen spontanen Ideen.

Yoga zu unterrichten kann so schön sein, wenn man sich selbst nicht zu ernst nimmt.

Und noch so nebenbei

Falls du dich während einer Yogastunde einmal gefragt hast, was im Kopf der Yogalehrerin möglicherweise vor sich geht. Das sind ein paar typische Gedanken von mir: "Ist mein eigener Rücken überhaupt gerade?", "Warum bringe ich heute mein Bein nicht höher?", "Was macht bitte mein Arm?", "Ob es ihnen zu anstrengend ist?", "Oder zu wenig anstrengend?", "Warum schauen alle so böse, gefällt ihnen die Stunde nicht?", "Mach mal wieder Blickkontakt, aber vergiss den Flow nicht!", "Haben wir jetzt gerade ein- oder ausgeatmet?", "Sei nicht auf der Matte festgeklebt, bewege dich im Raum!", "Ich kann sie nicht ewig im Herabschauenden Hund lassen. Denk nach! Was kommt als nächstes?!", "Fuck, ich muss mich beeilen, sonst bleibt keine Zeit mehr für Savasana!"



Ich hoffe dieser Beitrag war interessant für dich und konnte dir ein paar neue Einblicke geben. Ich freue mich immer, wenn ich mit meinen eigenen Geschichten und Erfahrungen andere dazu inspirieren kann, die eigenen Probleme vielleicht nicht allzu ernst zu nehmen und dafür mit mehr Leichtigkeit und Freude daran zu arbeiten. Lasse mir gerne einen Kommentar da - entweder hier oder auf Instagram/Facebook und teile deine Erfahrungen. Es ist immer schön von dir zu hören und mit dir in Austausch zu gehen.


Ich danke dir für's Lesen!

Namasté

Steffi

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